Was bedeutet die Corona-Krise für junge Menschen?

Die Corona-Krise ist eine Bedrohung für Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit junger Menschen

Homeschooling und Homeoffice als neue Realität in den Familien sind das Einfallstor für neue Bildungsungerechtigkeiten. Insbesondere in finanziell ärmeren Haushalten droht die Corona-Krise zu einer fundamentalen Chancen-Krise zu werden! Eine mangelhafte digitale Erreichbarkeit der Kinder durch die Schule, unzureichende Lernunterstützung durch das Zuhause und fehlende Kontakte zu Gleichaltrigen vergrößern die soziale Ungleichheit in Bezug auf Bildung und Teilhabe zu Kindern aus privilegierten Elternhäusern.

Schulen sind fast vollständig geschlossen, es bestehen zu wenige Möglichkeiten zur Teilnahme an der Notbetreuung, Ausgangsbeschränkungen werden weitergeführt und damit das Treffen mit Freunden oder der Besuch von Vereinen verhindert. Solche Veränderungen zwingen junge Menschen in den totalen häuslichen Rückzug. Ihre zentralen Entwicklungsthemen wie psychische Gesundheit, Lernmotivation, soziales Miteinander, vorurteilsfreie Begegnung, Leben und Erleben von Demokratie aber auch der Umgang mit (Existenz-)Ängsten drohen sich in dieser Zeit der Corona-Krise zu verschärfen. Das bisherige Familienleben verändert sich. In vielen Fällen wird es bestimmt durch das Homeoffice der Eltern und das verpflichtende Homeschooling ihrer Kinder. Alle sind jetzt erstmalig gefordert, ein selbst organisiertes Lernsystem aufzubauen.

Alleinerziehende, armutsgefährdete, finanziell arme und benachteiligte oder pflegende Familien erfahren zusätzliche Belastungen mit der Gefahr einer weiteren Überforderung. Kinderbetreuung bei gleichzeitiger beruflicher Tätigkeit kann in Familien zu Krisen und Konflikten führen. Eltern fühlen sich mit den Anforderungen der Schule vielfach überfordert; sie können und wollen keine Ersatzlehrer*innen sein oder fremdeln mit den neuen Techniken.

Der schulische Unterricht wurde weitgehend als Fernunterricht auf elektronische Kommunikationsformen umgestellt. Doch die Voraussetzungen und die Zugänge sind für Kinder und Jugendliche je nach ihrer sozialer Herkunft und ihren materiellen Voraussetzungen sehr unterschiedlich. Insbesondere ärmeren Schülerinnen und Schülern fehlt oft eine vernünftige Ausstattung mit Computern und Druckern, um zu Hause lernen zu können. Sie drohen ausgegrenzt zu werden, sie bleiben sprichwörtlich draußen vor der „digitalen“ Tür stehen.

Es ist zu befürchten, dass sich unter diesen aktuellen Bedingungen bestehende soziale Benachteiligungen verschärfen und die Bildungsgerechtigkeit darunter leidet.

Wird die Corona-Krise zu einer fundamentalen Chancen-Krise?

Der gesellschaftlich und bildungspolitisch schwierige Weg der Wiederöffnung der Schulen hat eine spannende Diskussion ausgelöst, an der sich auch die Jugendhilfe beteiligen muss. Die Stimmen werden immer lauter, dass zu viele Kinder Verlierer des Shutdown werden könnten - denn geschlossene Schulen vergrößern die soziale Spaltung in der Bildung! Insbesondere die Zielgruppen von Jugendsozialarbeit, Schulsozialarbeit oder aus der Arbeit mit behinderten Menschen geraten verstärkt in den Blick – sozial benachteiligte, individuell beeinträchtigte oder Kinder mit Behinderungen insbesondere diejenigen mit chronischen Erkrankungen. Fehlende bzw. unzureichende familiäre und digitale Unterstützungsmöglichkeiten, fehlende bzw. eingeschränkte schulische Lernmöglichkeiten, fehlende Sozialkontakte mit Gleichaltrigen, eine fehlende alltägliche deutsche Sprachpraxis sowie weitere Einschränkungen sind hinderliche strukturelle Rahmenbedingungen für die Persönlichkeitsentwicklung und damit für die Bildungsgerechtigkeit von Kindern und Jugendlichen. Diese Begrenzungen vergrößern für sozial benachteiligte oder beeinträchtigte Schüler*innen die soziale Ungleichheit in Bezug auf Lernen und Bildung im Vergleich zu Kindern aus privilegierten Elternhäusern. Ungünstige Voraussetzungen drohen sich zu multiplizieren. Bildungsgerechtigkeit sieht anders aus!

Aufgrund dieser drohenden Entwicklung haben namhafte Bildungsexpert*innen am 20.04.2020 einen „Offenen Brief an die KMK“ geschrieben und engagierte Wissenschaftler*innen fordern in einer Petition an den Deutschen Bundestag eine „Güterabwägung in der Krise“. Dies sind zwei beispielhafte Versuche den bislang eingeschlagenen Weg der Schulöffnungen vor dem Hintergrund des Wohls der Kinder und einer gerechten Bildungspolitik für alle zu hinterfragen. Es gilt der Frage nachzugehen, welche Ressourcen benötigen jetzt die Kinder, um aus dieser Krise nicht zusätzlich benachteiligt oder gar beschädigt sondern gestärkt hervorzugehen? Die derzeit favorisierte vorrangige Unterrichtung abschlussnaher Klassen in den Hauptunterrichtsfächern führt in das klassische Denken von Schule zurück als ein Ort reiner Wissensvermittlung und des konkurrenzorientierten Kompetenzerwerbs. In Krisenzeiten sind insbesondere Angebote der persönlichen Bildung, des sozialen Lernens, des vernetzten Denkens und Handelns dringender denn je erforderlich! Hier muss sich die Kinder- und Jugendhilfe aktiv ins Gespräch bringen!

Die Kultusministerkonferenz fordert sozial benachteiligte Schüler*innen bevorzugt wieder zur Schule zuzulassen, um sie aus ihrer häuslichen Beengtheit herauszuholen und drohende Bildungsbenachteiligungen zu verhindern. Leider fehlen bislang die passenden Konzepte. Erste Anregungen gehen in die Richtung einer stärkeren Verschränkung von schulischem Präsenzunterricht mit außerschulischen Lernarrangements im Sozialraum, zum Beispiel über kleinere Lerngruppen oder zivilgesellschaftlich organisierte Lernzirkel (etwa in Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit, Vereinsheime, Gemeindehäuser, Bildungsstätten). Die Vorschläge führen weiter in Richtung Öffnung der Notbetreuung hin zu einem Angebot an alle Familien, alternative Möglichkeiten der Ganztagsbetreuung oder Sommercamps in den Schulferien. Angeregt wird auch öffentliche Bildungseinrichtungen einzubinden, die Alternativangebote in Kleinstgruppen organisieren, in denen soziales Lernen und Bildungsangebote in der Methodik von Ferienschulen stattfinden, die kulturelle Angebote unterbreiten und die miteinander die psychosoziale Stabilität wiederherstellen. Es bedarf „Mut für innovative Konzepte im Bildungsbereich“ wie sie beispielhaft das Deutsche Kinderhilfswerk in einer aktuellen Pressemitteilung vom 06. Mai 2020 fordert und detaillierte Ideen in seiner Stellungnahme aufgelistet.

So langsam reagiert auch die Politik: Mit Verweis auf den Schutz der Kinderrechte fordern die Grünen in ihrem aktuellen Antrag vom 12. Mai 2020 „Rechte von Kindern in der Corona-Krise schützen“ (19/19146) die Bundesregierung auf, „den Schutz, die Bedürfnisse und die besondere Perspektive von Kindern in den bundesweiten Pandemieplan aufzunehmen“ und fordert zugleich ein "Gerechtigkeitspaket für Bildungschancen" auf den Weg zu bringen. Die Linksfraktion fordert in ihrem Antrag ebenfalls vom 12. Mai „Kindergipfel durchführen – Kindern und Jugendlichen unter Pandemiebedingungen gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen“ (19/19145) die Bundesregierung auf „einen Kindergipfel zur Gewährleistung der Rechte und gesellschaftlichen Teilhabe von Kindern und Jugendlichen während der Corona-Pandemie einzuberufen“. Diese Anträge verweisen auf die UN-Kinderrechtskonvention. Sie sollten aber zwingend auch die Regelungen der UN-Behindertenrechtskonvention nicht aus dem Blick verlieren!

Wir wünschen uns alle, dass der einsetzende politische Druck alle gesellschaftlich Verantwortlichen endlich zusammenbringt, um wirksame Maßnahmen zur Verhinderung einer drohenden Vernachlässigung der Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen einzuleiten! Der Gefahr einer sich durch die Corona-Krise verschärfenden sozialen Spaltung in Deutschland muss politisch entschieden entgegengewirkt werden!

Gliederungen der AWO engagieren sich in diesen Zeiten besonders flexibel und aktiv. So hat die AWO Mittelrhein zur Verbesserung der digitalen Bildungsgerechtigkeit die Initiative „Schulcomputer für alle!“ gestartet. Andere Träger verstärken über ihre Schulsozialarbeiter*innen die (digitale) Betreuung und Förderung „ihrer“ Schüler*innen und beziehen bei Wunsch und Bedarf die Eltern mit ein. Über „Beratungsspaziergänge“ oder „Balkongespräche“ lässt sich auch in Einzelfällen der persönliche Kontakt halten. Über Lernplattformen, Schul-Website und Schul-Podcast kann sich Schulsozialarbeit gemeinsam mit den Lehrer*innen konzeptionell abstimmen und an die Schüler*innen wenden. Insgesamt sehen die Fachkräfte die Gefahr einer sich verstärkenden Bildungsungleichheit. Gleichwohl ist es insbesondere eine vorrangige Aufgabe von Schule und bleibt dies auch in Krisenzeiten, förderliche Lernbedingungen für alle Schüler*innen zu ermöglichen. Jugendhilfe bringt sich nach ihren Grundsätzen (Freiwilligkeit) und ihrem Handlungsverständnis (Lebensweltbezug, Partizipation, Niedrigschwelligkeit) jeder Zeit und gerne mit ein.

Die Botschaft ist klar: Bildungsgerechtigkeit muss auch in Krisenzeiten gesichert werden!

Es geht um mehr Bildungsgerechtigkeit insbesondere für jene Kinder und Jugendlichen, die aus benachteiligten Haushalten kommen. Ungleiche Zugangschancen zum schulischen Lernen und das Leben in Zeiten geschlossener Schulen und Ausgangsbeschränkungen verstärken Benachteiligungen und erhöhen die Gefahr des Abgehängt Werdens insbesondere benachteiligter Kinder und Jugendlicher.

Neben den strukturellen Lösungen auf Bundes- und Länderebene sind die Kommunen gefordert gemeinsam mit Schulen, Schulträgern und unter Einbezug der Kinder- und Jugendhilfe Lösungen für gute digitale Bildungskonzepte vor Ort und passende Vorschläge zur Vermeidung von Bildungsungleichheit zu entwickeln.

Bund, Länder, Kommunen und Schulen sind aufgefordert, die hierfür förderlichen Rahmenbedingungen bereitzustellen, auszubauen und umzusetzen.

Die Arbeiterwohlfahrt ruft dazu auf

  • konkrete Rückkehr-Konzepte zum Wiedereinstieg in den schulischen Alltag gemeinsam mit allen Beteiligten zu entwickeln. Diese sind dem Kindeswohl, seinen Bedürfnissen und einem ganzheitlichen Bildungsverständnis ebenso verpflichtet wie den familiären Lebenssituationen und den Aspekten des Gesundheitsschutzes. In die Erarbeitung der Konzepte sind Mitarbeiter*innen der Kinder- und Jugendhilfe als auch der Sozialraum der Schule verbindlich einzubeziehen.
  • Konzepte für das Homeschooling sind im Sinne eines strukturierten Online-Unterrichts zu entwickeln und müssen die Förderung aller Schüler*innen gleichermaßen sicherstellen. Eine flankierende Bildungsbegleitung durch die Kinder- und Jugendhilfe ist verpflichtend vorzusehen.
  • die bedarfsdeckende digitale Ausstattung von Schule, ihrer Schüler*innen und ihrer Beschäftigten offensiv und finanziell ausreichend zu forcieren. Hierzu sind weitere Fördermittel gezielt bereitzustellen. Kinder und Jugendliche aus armen bzw. armutsgefährdeten Haushalten müssen zusätzliche Hilfen erhalten – sei es durch Sonderförderungen (etwa Zuschüsse zu den Regelsätzen) oder durch eine kluge und weitreichende Anpassung der Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket (siehe hierzu die Stellungnahme des AWO Bundesverbandes vom 30.04.2020).
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